Bildungspolitik – Der liberale Weg

(Beschluss vom 48. Landeskongress, Großbottwar)

Präambel:

Die PISA- und IGLU-Studien seit dem Jahr 2000 haben dem deutschen Bildungswesen
gravierende Mängel attestiert. Der bisherige Bildungsweg zum Schulabschluss weist
unterschiedliche Schwachstellen auf. Ein hoher und konkurrenzfähiger Bildungsstandard in
Deutschland setzt voraus, dass diese Schwachstellen korrigiert werden. Es bedarf neuer
Leitlinien, die auf liberalen Grundsätzen basieren.
Wichtige Kernkompetenzen entwickeln sich insbesondere in den ersten Lebensjahren. Das
Bildungswesen muss deshalb mehr als bisher auf diesen Bereich einwirken ohne die spätere
Schulbildung zu vernachlässigen. Im Folgenden wird der Bildungsweg von der Kinderkrippe
bis zum Schulabschluss skizziert. Im Mittelpunkt des vorliegenden Antrages steht das Kind
und seine Entwicklung, nicht die detaillierte Finanzierung jedes einzelnen Aspekts. Bildung
darf nicht nur unter rein finanziellen Aspekten geplant werden, denn die Bildung der
nachwachsenden Generation ist Basis für eine nachhaltig funktionierende
Volkswirtschaft:„Investitionen in Bildung bringen den besten Zins“ (Benjamin Franklin).

I. Frühkindliche Bildung

Insbesondere in jungen Jahren ist es von zentraler Bedeutung, den Kindern Grundkenntnisse
zu vermitteln. Lernfreude, Neugier, soziale Grundkompetenzen und die
Persönlichkeitsentwicklung sind frühestmöglich zu fördern. Die Jungen Liberalen fordern
daher:

1. Kleinstkinderbetreuung
Bereits in den ersten drei Lebensjahren soll durch ein bedarfsgerechtes Angebot an
Kinderhorten und Krippenplätzen sichergestellt werden, dass die Kinder den Umgang mit
Gleichaltrigen und das Einhalten von Regeln lernen. Darüber hinaus wird die Vereinbarkeit
von Familie und Beruf durch diese Maßnahme gefördert. Diese Angebote sollen freiwillig
besucht werden können und sind entgeltlich anzubieten. Die JuLis sehen nach wie vor den
klaren Erziehungsauftrag bei den Familien. Mit Elternschaft sind nicht nur untrennbar Rechte,
sondern auch Pflichten verbunden.
Die Einrichtung von betrieblichen Horten sollte in besonderer Weise gestärkt werden.

2. Kindergarten
Die JuLis bekennen sich zum Kindergarten. Ab dem dritten Lebensjahr soll für alle Kinder
ein Kindergartenplatz angeboten werden. Dieses erste Jahr ist hierbei freiwillig und
unentgeltlich zu besuchen. Hier wird vor allem die soziale Kompetenz gefördert. Kinder, die
sprachliche Defizite haben, sollten schon ab dem ersten Jahr gezielt gefördert werden.
Kindergärten und Vorschulen mit integrativem Charakter sollten gefördert und
flächendeckend eingeführt werden. Aufklärungsarbeit und bessere Ausbildung der
Erzieher/innen soll die Akzeptanz in der Bevölkerung stärken. Kindergärten in sozialen
Brennpunkten sollen regelmäßig von Sozialpädagogen besucht und unterstützt werden.
Gesprächsrunden der Eltern und Erzieher/innen sollen mindestens viermal jährlich stattfinden,
gemeinsame Ausflüge mit Kindern und Eltern sind wünschenswert. Besonders zu fördern sind
hier die Integration von ausländischen Eltern und die Stärkung des Gruppengedankens auch
bei den Eltern.
3. Vorschule
Mit vier Jahren findet für alle Kinder ein verbindlicher Sprachtest statt. Dieser landes-weit
standardisierte Test ermöglicht es, neben den sprachlichen Kompetenzen auch sonstige,
herausragende Fähigkeiten zu erkennen. Je nach Ergebnis sind die Kinder zu fördern. Ab dem vierten Lebensjahr ist der Kindergartenbesuch (ggf. mit Sprachkurs) als
Vorschule verbindlich und bleibt kostenlos. Die Regelbesuchszeit beträgt zwei Jahre. Die
Sprachkurse sind durch zertifizierte Spracherzieher anzubieten. Dieses Zertifikat können
Erzieherinnen und private Initiativen durch eine entsprechende Prüfung nach staatlichen
Rahmenbedingungen erwerben. Durch altersgerechte Bildungsmaßnahem sollte den Kindern
das Schreiben und Rechnen nahegebracht werden. Am Ende der regelmäßigen Vorschulzeit
findet ein zweiter Sprachtest statt. Wird dieser nicht erfolgreich absolviert, verlängert sich die
Vorschule bis die Sprachfähigkeit attestiert wird.
Generell fordern wir für die Betreuung von Kindern in Kindergarten und Vorschule:
(1) Kleine Gruppen, um eine individuelle Betreuung zu ermöglichen
(2) Flexiblere und längere Öffnungszeiten als bisher inklusive einer regelmäßigen
Möglichkeit zum Mittagessen; eine individuelle und effiziente Betreuung der Kinder kann
nicht nur halbtags erfolgen.
(3) Eine bedarfsgerechte Erweiterung des Angebots an Ganztagskindergartenplätzen und -
betreuungsmöglichkeiten
(4) Wahlmöglichkeit einer Fremdsprache. Kinder sollen auf spielerischem Wege und rein
verbal erste Kenntnisse in einer Fremdsprache erwerben können
Betreuungseinrichtungen in anderer als staatlicher Trägerschaft sind zu begrüßen. Dies gilt
auch für die Anwerbung von Drittmitteln, z.B. durch Sponsoring. Es soll eine freie Wahl der
Betreuungseinrichtung gelten. Die Finanzausstattung der Betreuungseinrichtungen ist
grundsätzlich zu verbessern. Die entsprechenden Mittel sind vom Bund und Land zur
Verfügung zu stellen; sie sollte sich maßgeblich an der Zahl der betreuten Kinder orientieren.
Für jede Betreuungseinrichtung sind verbindliche Kapazitätsgrenzen zu ermitteln, die sich aus
dem räumlichen Platzangebot und der Anzahl der dort beschäftigten Erzieherinnen und
Erzieher ergibt.

II. Primär- und Sekundarstufe: Die Grundschule

Die Einschulung in die Grundschule erfolgt grundsätzlich mit sechs Jahren, soweit nicht
mangelnde oder herausragend gute Sprachkenntnisse dem entgegenstehen.
Bereits in der Grundschule ist eine Pflichtfremdsprache zu unterrichten. Zur Auswahl sollen
dabei Englisch und Französisch stehen. Kinder, die noch immer Defizite in Deutsch
aufweisen, sollen weitere Förderkurse besuchen müssen.
Nach dem regelmäßigen dritten Jahr in der Grundschule findet ein Abschlusstest statt. Dieser berechtigt zum Besuch der
Sekundarstufe (Klasse 4-6). Wird er nicht erfolgreich absolviert, verlängert sich die
Primärstufenzeit.
Dieser Test kann von besonders begabten Schülern aber auch früher abgelegt werden.
Ganztagesangebote in Grundschulen begrüßen die Jungen Liberalen, sie sind jedoch keine
zwingende Voraussetzung.
Ab dem regelmäßigen vierten Grundschuljahr folgt die Sekundarstufe in nach Klassen
gleichen Kenntnisstands aufgeteilten Gruppen bis zum Ende des sechsten Grundschuljahrs.
Jedes Jahr der Sekundarstufe wird mit einem landeseinheitlichen Examen abgeschlossen. Die
letzten zwei Jahre der Sekundarstufe sind für die spätere Aufteilung in das dreigliedrige
Schulsystem maßgebend. Die Schüler sollen durch eine spezielle Differenzierung der
jeweiligen Kurse in den Klassen fünf und sechs in ihren individuellen Fähigkeiten gefördert
werden.
Die Noten in den Klassen 5 und 6 entscheiden somit über den weiteren Bildungsweg ab
Klasse 7. Die Einordnung in die weiterführenden Schulen soll dabei grundsätzlich wie folgt
vollzogen werden:
- Notenschnitt der Hauptfächer in den Klassen fünf und sechs beträgt 2,0 oder besser
Gymnasium
- Notenschnitt der Hauptfächer in Klassen fünf und sechs beträgt 2,1 bis einschließlich 2,5:
Realschule
- Nach wie vor soll aber auch der Lehrer/Lehrerin aufgrund einer positiven/negativen
Prognose der Lernfähigkeit entscheiden. Sollte eines der obigen Kriterien keine eindeutige
Einordnung aufweisen, so hat die weiterführende Schule die Möglichkeit, einen
Aufnahmentest durchzuführen.
Die Schulferien sind grundlegend neu zu regeln. Die Jungen Liberalen fordern deshalb die
Einführung von Trimestern an allen Grund- und weiterführenden Schulen. Wie bisher beträgt
die Gesamtzahl der Unterrichtswochen 36. Die Ferien sollen dabei auf sieben Wochen im
Sommer, drei Wochen um Weihnachten und drei Wochen im Frühjahr verteilt werden. In den
Ferienblöcken sind entsprechende Zusatzveranstaltungen wie Schüleraustausche oder Praktika
anzubieten. Kinder, die in einem Fach die nächsthöhere Klassenstufe nicht erreichen, sollen
Intensivkurse in den Ferien besuchen müssen, damit das Klassenziel noch erreicht werden
kann. Klassenarbeiten sind gleichmäßig auf alle drei Schulblöcke zu verteilen.
Die Jungen Liberalen sprechen sich gegen die derzeitigen Formen des Frontalunterrichts in
strengen Zeittakten aus. Ein projektbezogenes, flexible Arbeiten muss gefördert werden.
Der Wettbewerb zwischen den Schulen ist wie folgt zu fördern:
1. Abschaffung der Schulbezirke
2. Finanz- und Personalautonomie der Schulen
3. Schulsponsoring
4. Freiheiten bei der Gestaltung des Unterrichts unter Beachtung der Lernziele

III. Tertiärstufe: Das dreigliedrige Schulsystem

Die Jungen Liberalen befürworten das dreigliedrige Schulsystem. Der Wechsel und die
Durchlässigkeit zwischen den drei verschiedenen Schularten sind zu vereinfachen.
Schulwechsel müssen selbstverständlich sein und nicht nur in Ausnahmefällen geschehen.
Die allgemeine Schulpflicht ist beizubehalten. Für Schüler werden nach dem regulären Unterricht Arbeitskreise angeboten. Diese werden von Studenten bzw. Vertretern der lokalen Wirtschaft betreuet. Beginn ist drei Jahre vor dem Abschluss.

a. Die Hauptschule
Sinn und Zweck der Hauptschule muss es sein, die Schüler auf den späteren Einstieg in das
Berufsleben adäquat vorzubereiten sowie deren Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Dabei
ist es von eminenter Bedeutung, die Hauptschule aufzuwerten. Basis dafür ist der erschwerte
Zugang zu Realschule und Gymnasium in der Grundschule.
Insbesondere bei den Hauptschulen sehen die Jungen Liberalen Bedarf für ein breites
Angebot an Ganztagsschulen. Die Hauptschule darf keinen Elternersatz darstellen, muss aber
auch Schülern aus schwierigen Verhältnissen die Möglichkeit geben, ihr Schulleben durch
entsprechende Betreuungsmöglichkeiten erfolgreich zu führen.
Der Praxisbezug hat insbesondere an den Hauptschulen große Bedeutung. Eine Vielzahl an
praktischen Entfaltungsmöglichkeiten und -angeboten neben dem Pflichtunterricht sowie
mehr Praktika bei regionalen Unternehmen sind deshalb zu begrüßen.
Um die Schüler auf ihr späteres Leben vorzubereiten, ist zu Beginn der Hauptschule in
Klasse 7 das Pflichtfach „Wirtschafts- und Gemeinschaftskunde“ einzuführen. Grundlegende Kenntnisse zur späteren Lebensführung sind den Schülern hierbei zu vermitteln, um den späteren (beruflichen) Alltag bestehen zu können.
In allen Schularten darf die Klassengröße nicht 25 Schüler überschreiten. Nur durch eine
überschaubare Zahl an Schülern können Schüler möglichst individuell betreut werden.
Neben der Neueinstellung von Lehrkräften ist auch die Erhöhung der Deputatsstunden zu
prüfen.
Die Hauptschule endet mit einem Abschluss in Klasse 9 und einer landeseinheitlichen
Prüfung.

b. Die Realschule
Die Realschule soll wie bisher nach der 10. Klasse abschließen. Bereits ab der 7. Klasse
sollen auch hier Grundsteine für den späteren Berufsweg gelegt werden. So ist ab der 7.
Klasse das Fach „Wirtschaft- und Gemeinschaftskunde“ oder ein vergleichbares Fach zu
unterrichten.
Die Realschule muss wieder ein attraktiver Ausgangspunkt für viele Ausbildungsberufe im
kaufmännischen Bereich werden. Es ist inakzeptabel und schädlich für den Schulabschluss
„mittlere Reife“, dass Arbeitgeber für viele kaufmännische Ausbildungen wie z.B.
Bankkaufmann/-frau das Abitur als Voraussetzung wünschen.
Es ist sicherzustellen und zu fördern, dass Realschüler nach der mittleren Reife aber auch die
Möglichkeit haben, Gymnasien jeglicher Form zu besuchen.

c. Das Gymnasium
Das Gymnasium ist in erster Linie Ausgangspunkt für ein Studium an einer Hochschule.
Basis für das Gymnasium sind die Noten in der 5. und 6. Klasse der Grundschule. Wie bei
allen weiterführenden Schulen ist aber keinem der Weg zum Gymnasium nach der
Grundschule verschlossen. Im Gegenteil, gute Realschüler sollen ermutigt werden, zu
wechseln.

c1) Das allgemein bildende Gymnasium
In der 7. Klasse ist das Fach „Gemeinschaftskunde- und Wirtschaftskunde“ einzuführen.
Die Jungen Liberalen erachten die unlängst neu gestaltete Oberstufe des Gymnasiums als
wenig sinnvoll. Wir fordern ein Kurssystem, wie es vor der letzten Reform der Oberstufe
existierte.
Die mündliche Präsentationsprüfung, GFS und Methodikkurse sind beizubehalten.
In Anbetracht des Abiturs mit Abschluss der 12. Klasse ist das Kurssystem ab Klasse 10
einzuführen. Den Schülern soll dabei eine große Wahlfreiheit bei ihren individuellen
Neigungen und Fächern gegeben werden, ohne jedoch grundlegende Fächer wie Mathematik,
Deutsch und die erste Fremdsprache zu vernachlässigen. Die Schulen haben für ein
ausreichendes Wahlangebot Sorge zu leisten.

c2) Weitere Gymnasiumsformen
Die Jungen Liberalen erachten es als sinnvoll, dass neben dem allgemein bildenden
Gymnasium ab der 10 Klasse auch die beruflichen Gymnasien angeboten werden. So können
z.B. wirtschaftsorientierte-, technischorientierte- oder ernährungswissenschaftliche
Gymnasien die Erfordernisse und Interessen der Schüler zusätzlich abdecken. Wir möchten
die beruflichen Gymnasien so aufwerten, dass Benachteiligungen gegenüber dem allgemein
bildenden Gymnasium (z.B. in sprachlichen Fächern) in Ausstattung und Qualität nicht mehr
auftreten. Wir erachten ein breit gefächertes Bildungsspektrum als wichtig.

Benjamin StrasserBenjamin Strasser
Stv. Landesvorsitzender für Programmatik

strasser@julis-bw.de