Bildung ist entscheidende Grundlage eines mündigen und selbstbestimmten Lebens in einer pluralistischen Gesellschaft. Liberale sehen Bildung deshalb als Grundpfeiler einer freien Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft. Daraus leitet sich für Hochschulen eine bedeutende wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung ab.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich die deutsche Hochschullandschaft in einem beispiellosen Wandel. Vor allem drei große Veränderungen dominieren im Moment die Reformarbeit im tertiären Bildungsbereich und stellen die Verantwortlichen in Hochschulen und Politik vor neue Herausforderungen:
Forschung und Lehre
Die grundlegenden Aufgaben der Hochschulen in Deutschland sind je nach Hochschulart unterschiedlich stark ausgeprägt. Im Vordergrund stehen die Lehre und die Forschung, also das Vermitteln und das Erzeugen beziehungsweise Entdecken von Wissen. Diese beiden Aufgaben sind in den meisten Wissenschaften, insbesondere in den Naturwissenschaften, nicht ohne Schwierigkeiten voneinander zu trennen. Sie stellen zunächst ausdrücklich keinen Widerspruch dar, solange die Ressourcenknappheit Professoren nicht dazu zwingt sich zwischen Lehre und Forschung zu entscheiden und aufgrund zeitlicher Engpässe eines von beiden gegenüber dem anderen zu vernachlässigen. Im Idealfall profitiert die Forschung durch den akademischen Nachwuchs, der durch die räumliche und menschliche Nähe zu einer temporären oder dauerhaften Forschungstätigkeit motiviert wird. Gleichzeitig profitieren Studenten, in dem sie den neusten Wissenstand erfahren und durch das Prestige und die Möglichkeiten einer Forschungsuniversität ihren eigenen Marktwert steigern.
Daneben übernehmen Hochschulen jedoch bereits heute die notwendige Aufgabe der Leistungsbeurteilung beziehungsweise Aufnahme und Ablehnung von Bewerbungen. Hierbei muss aus liberaler Sicht ein leistungsorientierter Ansatz im Vordergrund stehen.
Mit der Titelvergabe übernehmen Hochschulen eine zentrale gesellschaftliche Rolle. Durch eindeutige Leistungseinstufungen und transparente Beschreibungen der Qualifikation ihrer Absolventen, tragen Hochschulen zur sozialen Mobilität, sowie zu einer geeigneten Allokation (Zuteilung von knappen Ressourcen) von Humankapital bei. Die Idee des akademischen Titels entspricht dem liberalen Wunsch nach Chancengerechtigkeit, indem sozialem Status ein akademischer, also weitestgehend auf Leistung beruhender Status entgegen gesetzt wird.
Eine Inflation akademischer Titel oder eine Verwässerung der Benotung verschlechtert Chancen von sozial Benachteiligten, weil dadurch in Bewerbungen bei Unternehmen Kriterien wie Praktika, frühere Bildungsleistungen und Auslandsaufenthalte mehr Gewicht bekommen Liberale fordern deshalb, dass Hochschulen Abschlüsse zielgenau, nach Leistung, vergeben und es nicht als ihre Aufgabe ansehen, möglichst viele Abschlüsse und Titel zu verleihen. Liberale wissen deshalb, dass Hochschulen, die ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, nicht möglichst viele Titel verteilen, sondern möglichst zielgenau Titel vergeben.
Die Jungen Liberalen sind für weitestgehend autonome, freie und selbständige Hochschulen, die jedoch als Bildungseinrichtungen, wenn sie akkreditierte Abschlüsse anbieten und staatliche Mittel verwenden wollen, einen gewissen Rahmen akzeptieren müssen.
Zu den zentralen Freiheiten, die Hochschulen gegeben werden sollten, gehört aus unserer Sicht vor allem:
Wir wünschen uns Hochschulen, die nicht von der Landespolitik beziehungsweise dem Staat abhängen, sondern sich vor allem auch als eigenständige Bildungsdienstleister verstehen.
Damit kann auch die Schließung von Fakultäten und Teilbereichen verbunden sein.
Eine Konzentration der Kräfte ist in einem internationalen Wettbewerb sinnvoller als ein mittelmäßiges Allroundangebot an jeder Hochschule. Damit ist zwangsläufig jedoch auch die Schließung von Fakultäten und Teilbereichen verbunden. Diese Schritte müssen, wenngleich sie unbequem sind, an den Universitäten und Hochschulen durchgesetzt werden.
Dies zu gewährleisten ist nicht nur eine staatliche Aufgabe gegenüber dem Einzelnen, sondern ist volkswirtschaftlich von enormer Bedeutung. Produktivität und Erwerbsquote hängen unmittelbar mit der erworbenen Qualifikation zusammen.
Wir fordern deshalb Universitäten und Hochschulen auf, die bereit bestehenden Möglichkeiten für alle Studieninteressenten auszuweiten. Dabei wird den Universitäten und Hochschulen ausdrücklich das Recht zugestanden, vor Beginn eines Studiums eine bestimmte Anzahl an Prüfungen der Qualifikation der Bewerber einzufordern. Hierbei sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Regelstudienzeit für diesen Weg maximal ein Semester länger ist als die Regelstudienzeit beim direkten Weg über die Universität. Eine solche Regelung bietet sowohl für Studierende die Chance besser ins Hauptstudium zu starten und beim Erwerb spezialisierter Inhalte klare Grundlagen zu besitzen, führt darüber hinaus jedoch auch dazu, dass Universitäten eher bereit sind Hochschulabsolventen anzunehmen.
Durch sich ständig ändernde Verhältnisse am Arbeitsplatz werden Unternehmen und Gesellschaft außerdem vor neue Herausforderungen in Bezug auf lebenslanges Lernen gestellt. Die Hochschulen müssen sich dieser Herausforderung stellen und spezielle Möglichkeiten für das Lernen im Berufsleben anbieten. Hier sind vor allem auch die neuen technischen Möglichkeiten durch Vorlesungsaufzeichnungen und so genanntes Streaming interessant, weil dadurch die Chance entsteht, Menschen in Erziehungszeiten oder nach der Arbeitszeit ein Bildungsangebot zu machen. Diese Option ist vor allem auch im Hinblick auf neue Finanzierungsmöglichkeiten für Hochschulen interessant. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen kann hierbei nicht nur äußerst lukrativ, sondern in Bezug auf Vernetzung mit Wirtschaftsunternehmen und Erfahrungsaustausch sinnvoll sein.
Die Veränderungen durch die Einführung neuer Titelbezeichnungen stellt naturgemäß eine hohe Anpassungsleistung an Studierende, Unternehmen und Hochschulen. Um eine möglichst schnelle Akzeptanz der neuen Titel zu erreichen, setzen sich die Jungen Liberalen für maximale Transparenz ein.
Durch eine schlecht durchdachte Umstellung auf Bachelor und Master sind aus unserer Sicht allerdings große Probleme entstanden. Studieninteressierte werden durch die scheinbar gleichen Titel massiv verunsichert. Tatsache ist aber, dass im gegenwärtig (2008) der Abschluss der Berufsakademie lediglich berufsrechtlich anerkannt ist und ein Bachelor an Fachhochschulen in beliebten Studiengängen nur den besten Studenten einen Wechsel an die Universität ermöglicht. Die geplante Umwandlung der Berufsakademie in die duale Hochschule führt zu weiterer Verwirrung.
Die politische Diskussion um die Anerkennung der Berufsakademie als duale Hochschule ist aus unserer Sicht nicht prinzipiell falsch, führt jedoch am eigentlichen Ziel vorbei. Die Zielsetzung Berufsakademien im Werben um Studienanfänger wettbewerbsfähiger zu machen sollte nicht primär über den Titel geschehen, sondern über die Qualität des Lehrangebots.
Der Zustand, dass die Anerkennung der Titel von Berufsakademien je nach Bundesland unterschiedlich ist, sollte mittelfristig beseitigt werden und den Berufsakademien sollte die Möglichkeit gegeben werden, den Titel „Bachelor (Berufsakademie)“ zu verleihen.
Wir fordern:
Für einen leichteren internationalen und europäischen Austausch ist im Zuge des Bologna-Prozesses das European Credit Transfer System (ECTS) eingeführt worden. Bislang wird das System diesem Ziel jedoch nicht gerecht, weil das ECTS lediglich Vergleichbarkeit auf der formalen Ebene ermöglicht. Die damit einhergehende Modularisierung der Studiengänge hat zugleich jedoch ein neues Hindernis für den internationalen Austausch geschaffen. Die Hochschulen sind daher dazu aufgefordert, gemeinsame Regelungen zu finden, um diese Hindernisse zu überwinden.
Der Trend zur Standardisierung, den der Bologna-Prozess einleitet, darf nicht als Gleichmacherei verstanden werden. Liberale fordern mehr Vergleichbarkeit für mehr Wettbewerb anstelle von weniger Vielfalt durch Angleichung auf dem Durchschnittsniveau.
Chancengerechtigkeit ist die zentrale Säule liberaler Gerechtigkeitsvorstellung. Gerade deshalb muss liberale Hochschulpolitik eine Perspektive für junge Menschen bieten, die sich unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern ergibt. Dies ist im deutschen beziehungsweise baden-württembergischen Hochschulwesen prinzipiell möglich. Mit Fachhochschulen, Berufsakademien und Universitäten, sowie den Förderungsmöglichkeiten aus Stipendien, Bafög und Bildungskrediten hat prinzipiell jeder Abiturient unabhängig vom Einkommen der Eltern gute Möglichkeiten, ein Studium zu absolvieren.
Dennoch studieren zu wenig junge Menschen aus bildungsfernen Schichten. Dieser Zustand ist problematisch, sollte jedoch nicht reflexartig auf hohe Studiengebühren, zu niedriges Bafög oder ungerechte Aufnahmeverfahren zurückgeführt werden. Eine genauere Analyse weist vielmehr vor allem auch auf folgende Ursachen hin:
Wer eine Profilbildung an Hochschulen unterstützt, muss sich der Tatsache bewusst sein, dass ein Studium an entfernten Studienorten höhere Lebenskosten verursachen kann.
Die Jungen Liberalen begrüßen den Ausbau der Hochbegabtenförderung. Das Ziel des Bundesforschungsministeriums, mehr Studierende zu fördern, ist richtig. Dennoch sollten auch die Strukturen der Begabtenstiftungen auf den Prüfstand kommen.
Zunächst gibt es aus unserer Sicht keinen gesellschaftlichen Grund, warum bildungswillige Menschen nicht einen geringen Anteil der Kosten ihrer Ausbildung selbst bezahlen sollten. Vor allem der Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt, dass Menschen mit Hochschulabschluss bessere Verdienste, sowie bessere Berufschancen erwarten. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern war in den vergangenen Jahrzehnten durchgehend deutlich unter der Arbeitslosigkeit von Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss.
Fakt ist: Die Investition „Studium“ lohnt sich sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Aus diesem Grund muss ein gutes Studiengebührenmodell gewährleisten, dass Studiengebühren nicht abschreckend wirken und muss verhindern, dass fähige junge Menschen vom Studium abgehalten werden.
Im Mittelpunkt der Studiengebühren steht jedoch naturgemäß die Einnahme von Finanzmitteln. Über Jahrzehnte hinweg haben politisch Verantwortliche die finanzielle Ausstattung an Universitäten nicht entscheidend verbessert. Wir stellen fest, dass es in der Vergangenheit keine Priorität für deutlichen Verbesserungen der Lehre im tertiären Sektor gab, weder was Ausstattung, Infrastruktur noch das zahlenmäßige Verhältnis der Lehrenden zu Studierenden betrifft.
Studiengebühren können diesen Zustand nicht beheben, tragen jedoch dazu bei, dass Universitäten zusätzliche Mittel einnehmen, die innerhalb der Lehre weitestgehend frei verwendet werden können.
Wir fordern die Einführung von nachgelagerten Studiengebühren, bei denen die ehemaligen Studenten ihre Verpflichtung gegenüber der Hochschule auch mit einem festgelegten prozentualen Anteil des späteren Berufseinkommens zurückzahlen können. Vor allem die Finanzierungsmöglichkeiten sind undurchdacht und bieten jungen Menschen aus sozial schwachem Umfeld lediglich die Möglichkeit über einen subventionierten Kredit die zusätzlichen Kosten vorzustrecken. Die Subvention verbilligt die Kosten der Studienfinanzierung zwar, geht aber insofern an der Lebensrealität junger Menschen vorbei, dass es die Risiken nicht entscheidend abschwächt. Tatsächlich ist der Widerstand gegen Studiengebühren, aber weniger der mangelnden Bereitschaft für die Kosten des Studiums aufzukommen geschuldet, sondern vielmehr der Angst mit hohen Schulden in eine ungewisse Zukunft zu sehen.
Der angebotene Bildungskredit missversteht diese Sorgen junger Menschen. Wir fordern deshalb gemeinsam mit der L-Bank oder einem privaten Institut den Bildungskredit dahingehend weiterzuentwickeln, dass Verpflichtungen in Abhängigkeit des Berufseinkommens während der ersten fünf Jahre zurückgezahlt werden.
Kurzfristig ist außerdem die Höhe des Zinssatzes und insbesondere der Verwaltungsgebühren für den Studiengebührenkredit der L-Bank zu überprüfen. Nur so kann verhindert werden, dass unberechtigte, aber verständliche Sorgen (die Berufschancen mit Studium sind gut) junge Menschen vom Studium abhalten.
Die Jungen Liberalen fordern den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Der politische Einfluss auf die Exzellenzinitiative ist jedoch zurückzuweisen. Schon die zweite Runde der Exzellenzinitiative hat das ursprüngliche Anliegen Leuchttürme zu schaffen missverstanden. Tatsache ist: Es gibt zu viele Elite-Universitäten, die Förderung ist nicht ausreichend.
Wir fordern deshalb:
Das Land Baden-Württemberg fordern wir außerdem dazu auf, den Mut zu besitzen, für die ausgewählten Universitäten in Baden-Württemberg eine „Exzellenziniative Plus“ zu starten. Vorbild kann hier der Freistaat Sachsen mit seiner „Sächsischen Exzellenzinitiative“ sein.
Eine Exzellenzinitiative Plus sollte folgende Maßnahmen umfassen:
Im Vordergrund muss jedoch stehen, dass außeruniversitäre Forscher nicht ihre guten Forschungsmöglichkeiten verlieren, sondern dass eine Angleichung auf dem jeweilig höchsten Niveau stattfindet. Wenn man die Summe der Forschungskräfte in Max-Planck-Instituten mit dem Lehr- und Forschungspersonal an Universitäten addiert, kann erstmals eine international konkurrenzfähige Betreuungsrelation für Studenten erreicht werden.
Der Status Quo an deutschen Universitäten vernachlässigt alle Elemente dieses Dreiklangs. Die Forschungsmöglichkeiten an deutschen Hochschulen sind bis auf positive Ausnahmen nur mittelmäßig. Die Ausstattung ist gegenüber den Max-Planck-Gesellschaften zweitklassig, vor allem aber sind die Lehrverpflichtungen und Verwaltungsaufgaben im internationalen Vergleich zu hoch. Professoren werden deshalb dazu gezwungen, eine Mischung aus Lehrer, Funktionär und Forscher zu spielen, der, wenn es nicht zufällig der persönlichen Leidenschaft entspricht, deutsche Universitäten für Spitzenforscher unattraktiv macht.
Die Karrierechancen an deutschen Universitäten sind ebenfalls ungewiss. Jungen Akademikern kann keine feste Perspektive gewiesen werden. Das Erreichen des Berufsziels Professors ist ungewiss und längst nicht nur von der persönlichen Leistung abhängig. Jungen Wissenschaftlern wird aber darüber hinaus auch nicht die persönliche Unterstützung geboten, die z.B. an angelsächsischen Universitäten normal ist. Persönliche Weiterbildung durch Mentoring und Coaching sollte deswegen - genauso wie Zielvereinbarungen auch an deutschen Universitäten - zum Standard werden.
Eine weitere entscheidende Ursache für mangelnde Attraktivität der akademischen Karriere beim potenziellen akademischen Nachwuchs sind jedoch auch die schlechten Verdienstmöglichkeiten. Dies beginnt bereits bei geteilten Doktorandenstellen und setzt sich bei den Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter fort.
Wenngleich mit der leistungsabhängigen „W-Bezahlung“ eine Verbesserung erzielt wurde, ist eine Wende nicht herbeigeführt.
Selbstverständlich werden auch in Zukunft junge Fachkräfte in der freien Wirtschaft mehr verdienen können als an staatlichen Universitäten. Wenn Einstiegsgehälter für wissenschaftliche Spitzenkräfte jedoch hinter dem Gehalt einer Sekretärin beziehungsweise einem Facharbeiter in der Wirtschaft zurückbleiben, ist die Entscheidung gegen die Wissenschaft vorprogrammiert.
Junge Liberale fordern deshalb:
Wir halten diese Entscheidung für richtig und fordern die Landtagsfraktion der FDP/DVP genauso wie die gesamte Landesregierung dazu auf, dies als Startschuss zu begreifen. Noch immer gibt es Universitäten, die sich durch institutionelle Trägheit, marode Bauweise und teilweise Gleichgültigkeit gegenüber Studenten auszeichnen.
Nur mit zunehmender Autonomie und erstarkendem Wettbewerb wird das Engagement der Hochschulen für Forschung und insbesondere Lehre zunehmen.
Sebastian Gratz
stellvertretender Landesvorsitzender für Programmatik
gratz@julis-bw.de