von Julian Scholtes
Die „Adhokratie“ ist laut dem kanadischen Betriebswirt Henry Mintzberg eine der zentralen Formen der Organisation. Ad hoc bedeutet, wörtlich genommen, so viel wie „zu diesem“ oder „hierfür“, im übertragenen Sinne bedeutet es aber auch „aus dem Moment heraus“. Laut Mintzberg zeichnet sich die Adhokratie durch eine stark dezentrale Organisation sowie organische, d.h. ungeregelte, nicht standardisierte Verhaltensabläufe aus. Damit steht die organische Adhokratie in radikalem Gegensatz zur standardisierten Bürokratie.
Man merkt deutlich, dass diese Form der Organisation der der digitalen Gesellschaft sehr nahe kommt: Die größtenteils freien Abläufe, das sehr schnelle Zusammenfinden einer großen Menge von Menschen online zu einem bestimmten Zweck – all dies macht das Internet als zivilgesellschaftliches Medium so besonders.Vielleicht sind es gerade diese komplett antibürokratischen, ungeordneten Abläufe, die viele Politiker am Internet so beunruhigen: Ein virtueller Raum, der sich jeder Kontrolle und Aufsicht entzieht und sich dennoch auf den nicht-virtuellen, öffentlichen Raum auswirkt – das ist vielen (und man kann sich denken, wem besonders) nicht geheuer.
Exemplarisch hierfür seien etwa die sich allerorts verbreitenden Facebookparties genannt: Eine über Facebook organisierte, sich an einem Ort zusammenfindende Menschenmasse, die mehr oder weniger unangemeldet in der Öffentlichkeit feiert. Nach ersten etwaigen Vorfällen haben unter anderem die Innenminister von NRW, Niedersachsen und Bayern ein Verbot solcher Facebookparties gefordert. Facebook-Veranstaltungen mögen doch bitte nicht öffentlich verfügbar sein dürfen.
Auch auf dem Tahrir-Platz in Kairo haben sich Menschen, frei und adhokratisch über das Internet organisiert, zusammengefunden – allerdings nicht zum Zweck einer Party, sondern, um friedlich zu demonstrieren. Auch hier war die nationale Politik schockiert von der Unverforenheit, mit der sich diese Menschen einfach spontan versammelt haben; man hat allerdings kein Verbot einer solchen Kommunikation gefordert, sondern ihnen kurzerhand das Internet gekappt und auf sie geschossen, damit sie doch bitte weggehen. Sie gingen nicht weg.
Keineswegs soll hier der Eindruck entstehen, Schünemann, Jäger & Co. seien kleine Mubaraks; hier will niemand das Recht auf Demonstration und Meinungsfreiheit beschneiden. Was beide Seiten jedoch gemeinsam haben, ist ihre Abneigung gegen das Internet.
Das Internet ist die freiste, innovativste und basisdemokratischste Form der Organisation, die den Menschen je zur Verfügung stand – und entweder, die Politik wird Teil des Internets, oder diese Form der Organisation, die einen enormen Freiheitsgewinn darstellt, wird uns irgendwann nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Politik muss das Internet als Raum der Freiheit zur Kenntnis nehmen und fördern – oder das Internet wird irgendwann nicht mehr jener Raum der Freiheit sein. Natürlich (und hoffentlich) ist es nichts als Ausdruck von netzpolitischem Dilettantismus, aber würden die drei Innenminister mit ihrer Forderung tatsächlich durchkommen, wäre dies ein erster Schritt dahin. Man kann nur hoffen, dass sie damit wirklich nur das Sommerloch füllen wollten.
Denn: Facebookparties und Arabischer Frühling sind imgrunde dasselbe.
Benjamin Strasser
Stv. Landesvorsitzender für Programmatik
strasser@julis-bw.de
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