[Juliette 3/2018] – Mit angezogener Handbremse in die KI-Zukunft

Deutschland war auf vielen Ebenen Spitzenreiter – im Fußball, beim Export, bei Erfindungen, beim Maschinenbau und bei der Industrialisierung. Tüftler und Vordenker erfanden neue Innovationen, ohne die die Welt nicht wäre, die sie heute ist. Bier, das chemische Periodensystem, Glühbirnen, Telefone und sogar die Jeanshose waren alles deutsche Erfindungen. Sogar einer der ersten Computerchips kommt von einem Paderborner namens Heinz Nixdorf. Noch heute lässt sich sein Name auf heimischen und ausländischen Geldautomaten wiederfinden. All dies sind Entwicklungen, die einen enormen Wert für unser Leben und die Gesellschaft haben. Doch vor allem die Grundlagenforschung hat bereits viele Innovationen, Technologien und Produkte hervorgebracht, die aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Ich muss zugeben, dass mich dieser Teil deutscher Geschichte sehr inspiriert. Denn die Deutschen sind fleißig, neugierig, zuverlässig, aber auch penibel, nachdenklich und misstrauisch. Das macht nun einmal uns Deutsche aus und hat es geschafft, dass Wissenschaft und Forschung, aktuell im Bereich der Künstlichen Intelligenz, in Deutschland sehr gut aufgestellt sind.

Allerdings poppen immer öfter sehr kritische Fragen auf, die derzeit ausgiebig in den Medien diskutiert werden: „Wird KI unsere Arbeitsplätze wegnehmen?“ oder „Bedroht das digitale Zeitalter die Demokratie?“ (Sandel). Dass digitale Prozesse und längst auch Künstliche Intelligenz (KI) in alle Lebensbereiche bereits Einzug findet, ist unumstritten. Dennoch bleibt vor allem Künstliche Intelligenz für viele weiterhin eine Unbekannte unserer Zeit. Des Öfteren wurde daher in den letzten Monaten medial Angst geschürt.

In dem Moment, in dem wir jedoch über etwas nachdenken, beginnen wir mit dem ersten Schritt dagegenzuwirken und betreten den Gestaltungsraum. Das Spiegelgesetz besagt, dass wir das anziehen, woran wir denken. Denken wir an Dystopien und Sklaverei der Menschheit durch Roboter oder denken wir an ein friedliches Zusammenleben zwischen Maschine und Mensch? In jedem der beiden Fälle wird der ursprüngliche Gedanke das Ergebnis der Zukunft beeinflussen. Daher stehe ich als Liberaler dafür, dass wir Optimisten mit guten Ideen vorangehen, da diese den Weg für eine intelligente Zukunft zwischen Menschen und Maschinen ebnen. Eines ist daher sicher: Solange wir darüber diskutieren und Gestaltungsmöglichkeiten schaffen, können wir nicht nur gegen kritische Stimmen agieren, sondern auch den Gestaltungsraum mitbestimmen.

Realität schaffen

Künstliche Intelligenz hat, wie auch der Digitale Wandel, leider ein Kommunikationsproblem. In Teilen der Bevölkerung verstärken sich Bedenken bezüglich des Datenschutzes, Arbeitsplatzverlustes oder einfach genereller Technologien bzw. Fortschrittsfeindlichkeit. Hier müssen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam ansetzen um den Menschen konkrete Nutzen in ihrer Lebenswirklichkeit zu stiften.

Wir wollen bei KI nicht im hinteren Mittelfeld bleiben. Wir wollen andere Länder nicht einfach an uns vorbeiziehen lassen, während wir über längst eingetretene Entwicklungen philosophieren und einen Kaffee trinken. Ich setze mich in der Enquete Kommission „Künstliche Intelligenz“ für eine sachliche aber optimistische Herangehensweise an das Thema ein. Denn das, was uns bewegt, sind Fragen, die weit in die Zukunft blicken und Politiker dazu zwingen, über die Legislaturperiode hinaus zu denken. Kontinuierliche Anpassung und Reflektion müssen passieren, nicht morgen, sondern heute. Das digitale Zeitalter ist schnelllebig und wir sollten flexibel auf diese Entwicklungen reagieren, sonst wandern unsere klugen Köpfe ab. In Deutschland gibt es keine förderliche Rechtslage für zukünftige KI- Entwicklungen. Wir dürfen also nicht länger warten, sondern müssen mit eindeutigen Handlungsanforderungen ein sinnvolles Entwicklungsumfeld schaffen.

Und dennoch: Auf eine Kleine Anfrage zur Künstlichen Intelligenz meiner Fraktion sagte die Bundesregierung, sie wolle „Deutschland auf ein weltweit führendes Niveau bringen“. Diese Aussage ist sehr löblich, wenn auch ambitioniert, ohne zu wissen, wie viele KI Professuren, Lehrstühle und Experten es aktuell gibt. Deutschland hat gerade erst angefangen, über eine Strategie zu diskutieren. Um dieses Ziel noch zu verwirklichen, müssen wir daher schleunigst beginnen, aktiv zu gestalten!

Visionen schaffen

Während in den 60er Jahren noch von Städten auf dem Mond und unter Wasser geredet wurde, strotzen die Projekte zu KI unserer Bundesregierung vor „weiter so“. Doch dies war und ist fatal. Denn wenn wir als Deutsche und Europäer nicht schleunigst eine eigene Utopie von einem Leben mit Künstlicher Intelligenz entwickeln, dann bestimmen eben die Utopisten aus dem Silicon Valley und China, wie wir leben werden. Es wird daher endlich Zeit, neu zu denken. Ich bin mir sicher: Nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial können wir gewinnen. Unmenschliche und repetitive Tätigkeiten könnten von Maschinen und Robotern abgenommen werden. Wenn wir es schaffen, diese Lücke zu schließen und die angezogene Handbremse damit lösen, können wir nicht nur endlich Gas geben, sondern auch global Visionen schaffen.

Wir wollen Künstliche Intelligenz zu „Made in Germany“ voranbringen. Lasst uns die Gegenwart formen, aktiv gestalten und das tun, was die Deutschen eigentlich gut können: Anpacken, loslegen und Zukunft gestalten!


Mario Brandenburg MdB ist technologiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion