Jetzt sind wir dran – Mehr Fokus auf die Pandemiefolgen für Kinder und Jugendliche

Die Jungen Liberalen Baden-Württemberg mögen beschließen:

Der Jugend wieder eine positive Perspektive geben 

Die Folgen des durch die Pandemie bedingten, monatelangen Lockdowns belasten die junge Generation nachhaltig. Er war geprägt durch Distanzunterricht, fehlende Freizeitangebote, ausgefallene Praktika oder Auslandssemester, Kurzarbeit, soziale Isolation und Unsicherheit aufgrund schlechter politischer Kommunikation. Der Lockdown wirkte wie ein Brandbeschleuniger für gesellschaftlich und auch politisch bereits existierende Probleme. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen sind vielseitig und umfangreich. Sie müssen erkannt und benannt werden, um Ausgleichsmöglichkeiten zu schaffen und um uns, der jungen Generation, wieder Mut und Optimismus für neue Zukunftsperspektiven zu bieten.

Öffnungen priorisiert für junge Menschen 

Wir fordern die Priorisierung der jungen Generation bei sämtlichen Öffnungsschritten. Über ihre Bedürfnisse wurde lang genug hinweg gesehen.

Das bedeutet:

  • Das schrittweise Auslaufen der Test- und Maskenpflicht an Schulen und Universitäten, bei einem temporär weiterhin fortbestehenden, wöchentlichen Angebot eines Selbsttests, für den Schulen ein Zertifikat ausstellen.
  • Grundsätzlich keine 2G Nachweispflicht für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Sollte zukünftig weiterhin 2G gefordert werden, muss für Minderjährige ein Testzertifikat in Verbindung mit einem Altersnachweis als äquivalent akzeptiert werden.
  • Das Festhalten an der Präsenzlehre. Homeschooling und Online-Vorlesungen sollten ein hilfreiches Zusatzangebot, aber kein Ersatz für physische Zusammenkunft sein.
  • Das Ende von Kontaktbeschränkungen bei privaten Treffen auch für Ungeimpfte, sofern keine akute Überlastung des Gesundheitswesens droht.
  • Fortlaufende Beschränkungen von Großveranstaltungen vollständig zu beenden, sobald eine Überlastung des Gesundheitswesens ausgeschlossen werden kann.

Lernrückstände erfassen und individuell kompensieren 

Homeschooling funktioniert an den Stellen, wo eigene und funktionsfähige IT-Infrastruktur vorausgesetzt ist, in den Familien, in denen ein gebildetes Elternhaus mit ausreichend finanziellen Mitteln unterstützen und Versäumnisse ausgleichen kann. In vielen bereits benachteiligten Familien ist ein funktionierendes Homeschooling nicht leistbar. Schüler und Studierende sind nicht selten ohne eigene Endgeräte oder eine Internetverbindung auf sich allein gestellt und verpassen Lerninhalte, wodurch letztlich die soziale Ungleichheit erhöht und die Bildungsschere in Deutschland geöffnet wird.

Um dem entgegenzuwirken, fordern wir:

  • Den Ausbau von Schul- und klassenübergreifender Lernstandsdiagnostik, die genau erhebt, auf welchem Kompetenzstandard Schüler in zentralen Teilbereichen schulischer Bildung stehen. Diese soll nach dem “Response to Intervention” Modell, wie es zum Beispiel in Kanada, Australien und Finnland angewandt wird, professionalisiert werden.
  • Bestehende Förder- und Zusatzprogramme zu evaluieren und bedarfsgerecht auszubauen, um Schülern die Möglichkeit zu geben, an Lernrückständen zu arbeiten. Um soziale Teilhabe zu ermöglichen, müssen alle Familien im Sozialhilfebezug unentgeltlich an diesen Förderangeboten teilnehmen können.
  • Die Anpassung des Lehrplans für die von der Pandemie betroffenen Schulklassen durch eine Evaluation der verpassten Lehrinhalte und die komprimierte Einbindung dieser im nächsten Schuljahr.
  • Eine obligatorische Fortbildung von Lehrkräften hinsichtlich der Anwendung digitaler Geräte, der Organisation von Lernen auf Distanz, den Fragen, wie eine Beziehung zu den Schülern auch in digitalen Zeiten gehalten werden und was getan werden kann, um an den Lernrückständen und Entwicklungsdefiziten zu arbeiten.
  • Ein bundesweites Lern-Buddy-Programm zwischen den Ländern und den Schulträgern, in dem Lehramtstudierende Schüler unentegeltlich unterstützen, um die in der Corona-Pandemie entstandenen Lernrückstände aufzuholen. Die Studierenden sollen dafür entlohnt werden oder Leistungspunkte erhalten.

Mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen für Schüler und Lehrer 

Wir beobachten eine weitreichende Zunahme an psychischen Belastungen und Erkrankungen, junge Menschen sind orientierungslos und werden von Zukunftsängsten entkräftet. Therapie- und Beratungsangebote reichen für eine angemessene Unterstützung nicht aus, Hilfesuchende warten monatelang auf einen Platz und Lehrkräfte versuchen auszugleichen, was fehlende Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter nicht leisten können.

Deshalb fordern wir:

  • Feste und hohe Mindeststandards für die Schulsozialarbeit, durch gut ausgebildete Fachkräfte, die eine abgeschlossene Hochschulausbildung für soziale Arbeit, Sozialpädagogik oder eine gleichwertige Ausbildung abgeschlossen haben sowie ein aktuelles Angebot an Fort- und Weiterbildungen. Die Länder sollen Schulträger dabei unterstützen, an jeder Schule geschützte und geeignete Räumlichkeiten für die Schulsozialarbeit zur Verfügung stellen zu können.
  • Eine Möglichkeit für Schülergespräche in jedem Schuljahr in enger Zusammenarbeit von Schulpsychologen, Lehrern und Schulsozialarbeitern, um psychische Erkrankungen schnellstmöglich erkennen und fachgerechte Unterstützung leisten zu können, sowie die Schülerinnen und Schüler bei Problemen im schulischen Umfeld zu unterstützen. Diese Möglichkeit soll an den Schulen offensiv beworben werden.
  • Bildungspolitische Initiativen zur Sensibilisierung für psychische Gesundheit und zur Vermittlung von Sozialkompetenz, beispielsweise über sektorübergreifende Projektwochen am Ende des Schuljahres.werden.

Neue Gelegenheiten für verpasste Chancen der persönlichen Entwicklung

Vor allem für Kinder und Jugendliche hat der fehlende Sozialkontakt, neben den geschwächten Gemeinschaften, häufig auch ein gestörtes Sozialverhalten sowie eine gebremste Persönlichkeitsentwicklung zur Folge, wodurch beispielsweise mangelnde Konfliktfähigkeit, Unselbstständigkeit, ausbleibendes Entscheidungsvermögen oder auch fehlendes Empathievermögen zu echten Hindernissen in der weiteren Lebensgestaltung werden können. Auch dem mit Online Schooling und sich verstetigendem Vereinsschwund einhergehenden Bewegungsmangel und der in vielen Fällen verminderten Fitness von Kindern und Jugendlichen muss entgegengewirkt werden.

Daher fordern wir:

  • Den Ausbau der Kooperationen Schule  – Verein und Kindergarten – Verein hin zu längeren Antragsfristen und zu kürzeren Wartezeiten der Vereine auf die Bezuschussung. Der Solidarpakt Sport IV der baden-württembergischen Landesregierung bietet die dafür notwendigen Mittel.
  • Die Wiederaufnahme der „Förderlinie Integration“ in die Kooperation Schule-Verein des Landes Baden-Württemberg, um Kinder und Jugendliche bei ihrer schulischen Integration weiter zu unterstützen.
  • Die zusätzlichen Mittel des Bundes in die Kinder- und Jugendfreizeit aus dem Aktionsprogramm “Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche” in den Ländern zeitnah umzusetzen und unter anderem in günstige Ferien und Wochenendausflüge, pädagogisch betreute Spielplatzangebote, Sportplatz- und Bewegungsprogramme und internationalen Jugendaustausch zu investieren. Die Bedürfnisse junger Menschen sollen bei der Planung von Neubaugebieten in besonderem Maße berücksichtigt werden.

Neue Leitplanken für die Berufsorientierung

Weniger Angebote für Betriebspraktika, Berufsberatung an Schulen sowie Ausbildungsmessen durch den Lockdown erhöhen branchenübergreifend erneut die unbesetzten Plätze in der Berufsausbildung und verschlimmern damit langfristig den Fachkräftemangel in Deutschland. Junge Menschen brauchen jetzt zusätzliche Möglichkeiten, sich mit den eigenen beruflichen Interessen und Stärken sowie mit den Möglichkeiten auf dem Ausbildungsmarkt zu beschäftigen.

Daher fordern wir:

  • Ein freiwilliges, berufliches Orientierungsjahr, in dem Jugendliche in verschiedene Ausbildungsbetriebe hineinschnuppern können und ein Taschengeld wie bei einem Freiwilligendienst erhalten.
  • Aufstiegsscouts an weiterführenden Schulen in Kooperation mit Hochschulen, Kammern oder der Agentur für Arbeit. Sie unterstützen als Ansprechpersonen diejenigen Schüler, die sich über eine Ausbildung oder ein Studium informieren möchten und vermitteln den Kontakt zu Hochschulen und Betrieben.
  • Eine zusätzliche Möglichkeit und Förderung von Berufspraktika in und nach der Schulzeit. Insbesondere eine bessere Verfügbarkeit von Informationen und Kommunikation zwischen Unternehmen und Schulen, und Schulen und Schülern.
  • Die Schaffung eines Berufsnetzwerks “Ausbildungsbotschafter” im Rahmen eines neuen Ausbildungspakts.
  • Eine Förderung von Jugendlichen, die sich aktuell in einer Berufsausbildung befinden. Um Misserfolgsquoten aufgrund der langen Zeit des Lernens im Ausnahmezustand entgegenzuwirken, sollte die Prüfungsvorbereitung für die Auszubildenden unentgeltlich sein.

Die Gültigkeit dieses Beschlusses ist auf 2 Jahre begrenzt.